Die Geschichte Wildshuts

 

Burg Wildshut – ein Ort, wo Recht gesprochen wurde

Jahrhundertelang diente die Burg Wildshut im Innviertel als Herberge für ein Gericht. Bei der Anlage handelt es sich um eine Spornburg mit augenförmigem Grundriss, deren Ringmauer der Topografie des länglichen Sporns am Rande der Uferterrasse der Salzach folgt. Nach aufwendiger Sanierung wird sie nun zu Wohnzwecken vermietet und in geringem Umfang für Veranstaltungen aller Art genutzt.

 

Mit dem Erwerb im Jahre 2002 durch Dr. Georg Florens Traugott, dem Inhaber der traditionellen Salzburger Trachtenwerkstätte Beurle, bekam die als Gericht aufgelassene, relativ gut erhaltene Verwaltungsimmobilie der Republik Österreich eine neue Chance. Mit viel Gespür, Traditionsbewusstsein und Liebe für historische Bauten revitalisierte Florens Traugott in den letzten Jahren langsam und step by step den imposanten Wehrbau in der Gemeinde St. Pantaleon im Innviertel.

 

Eine vom neuen Eigentümer im Jahr 2005 in Auftrag gegebene Bauforschung[1] ergab, dass die Burg wahrscheinlich vor der Mitte des 13. Jh. erbaut worden und in mehreren Phasen gewachsen war. Für die Existenz einer in der älteren Literatur erwähnten, um das Jahr 1170 von den Herren von Hutte errichteten Burg fehlen die Schriftquellen. Ihre urkundliche Erstnennung mit dem Namen „Wilczhut“ fällt in das Jahr 1387, doch schon 1404 war das Anwesen ruinös. Vermutlich war es, wenn man sich an den Namen hält, ein Jagdsitz. In dieser Zeit könnte ein Turm, so er überhaupt existierte, zerstört worden sein, denn es erscheint unwahrscheinlich, dass eine Burg von solch topografischer Lage ohne Turm auskam.

Nach 1400 wurde der Bau instandgesetzt und als Landgericht genutzt. In dieser Phase wurden der Palas in das Nordende der Anlage ein- und im letzten Drittel des 15. Jh. ausgebaut sowie die Burg in ihrer Wehrhaftigkeit verstärkt. Eine gleichzeitig entstandene Wehrplattform im Obergeschoß des Torbaus, funktional mit einem umlaufenden Balkenschirm zusammenhängend, findet ihre identische Entsprechung beim Kapellenbau des Schlosses Tratzberg. Weitere Errichtungen sind der ursprünglich höher konzipierte sogenannte „Kasten“ im Südeck sowie der Torbau mit zwei Zugbrücken. In jener Zeit wurde auch der alte Wehrgang modernisiert. Im späten 16./17. Jh. kam es hauptsächlich zu neuen Innengestaltungen; es entstand die heutige Kapelle, der Südbau wurde unterkellert, Binnenwände wurden in den Palas eingezogen und in die Nordwestseite wurde ein Prunkerker eingebaut. In den 1680er- bis 1770er-Jahren mussten wegen Baufälligkeit Stabilisierungs- und aufgrund starker Regenfälle Sicherungsmaßnahmen vorgenommen werden. Neu errichtet wurden entlang der Nordwestseite der Gebäudetrakt sowie im Erdgeschoß des Palas eine Marmorsäule, von der sich vier Gurte mit flachen Tonnen spannen. Im 19. Jh. gab es kleinere, unspektakuläre Umbauten, die sich vorwiegend auf Umgestaltungen älterer Fenster bezogen, und 1967/68 wurde bei diversen Um- und Einbauten (u. a. Zentralheizung) das Haupttor im Torhaus komplett erneuert.

 

Burg Wildshut beherbergte 600 Jahre lang, nachweislich von Anfang des 15. Jh. bis zum Jahr 2002, ein Gericht. Zuerst war sie Sitz des Landgerichtes und später wurde sie, teils als eigenes Pfleggericht, abwechselnd an verschiedene Geschlechter sowie auch an die bayerischen Herzöge vergeben. Nach der Übergabe des Innviertels an Österreich im Jahr 1779 wurde Wildshut ein eigenständiges Kreisgericht, und nach dessen Auflösung war hier das Bezirksgericht einquartiert. Die in Nebengebäuden untergebrachten ehemaligen Gefängniszellen wurden einige Jahre vor dem Erwerb durch Florens Traugott abgerissen. Die letzte Hinrichtung durch Erhängen soll im Jahre 1822 stattgefunden haben, Überreste des Galgens waren noch in den 1990er-Jahren in der St. Pantaleoner Zeugkammer zu sehen.[2]

 

Bei der Sanierung der Anlage möglichst schonend mit der alten Bausubstanz umzugehen war die Maxime von Florens Traugott. Die repräsentativen Räume wurden von störenden Einbauten, die für die gerichtliche Amtsführung notwendig gewesen waren, befreit. So wurde z. B. in der ehemaligen Registratur im Erdgeschoß dem Einsäulenraum, dem Dürnitz, mit dem neu verlegten Marmorboden – einem Adneter Tropf, der noch vor nicht allzu langer Zeit Teile der Wandverkleidungen der Kassenhalle des Linzer Hauptbahnhofes bildete – sein ehemals großzügiges Aussehen zurückgegeben. Ein solcher Raum war übrigens früher in Burgen ein aufwendig gestalteter, rauchfrei beheizbarer Speise- und Gemeinschaftsraum. Nebenräume wie z. B. der Heizraum wurden zum Kaminzimmer bzw. zu Küche und Essecke umgestaltet, alle Räume im Erdgeschoß mit einer Fußbodenheizung ausgestattet – das Heizsystem wurde von Öl auf Flüssiggas umgestellt – und für Veranstaltungen wie Hochzeiten und Familienfeiern fit gemacht.

Die sogenannte „Kurfürstenstube“, so benannt in Anlehnung an die Erhebung der Wittelsbacher in den Kurfürstenstand, ist ein Repräsentationsraum im 1. Stock, der heute für Lesungen, Musikvorführungen u. dgl. genutzt wird. Dieser wurde einer grundlegenden Sanierung zugeführt. Eine Zwischenwand – der Raum fungierte als Gerichtskanzlei und Richterzimmer – konnte erst entfernt werden, nachdem im Dachgeschoß Stahlbetonträger eingezogen und der Boden bzw. die Decke entsprechend fixiert worden waren. Die Holztramdecke, deren Unterzug gerissen war, ist in der neuen Decke so verankert, dass sie immer noch als tragend empfunden wird. Der andere Teil der Decke wurde dem spätgotischen Vorbild angepasst.

Aus diesem Raum stammt jener prachtvolle Kachelofen, der im Jahr 1864 auf Anregung Adalbert Stifters, damals Landeskonservator für Oberösterreich der k. k. Central-Commission zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmale, dem Linzer Museum als „eine der schönsten Töpferarbeiten des 17. Jh.“ unentgeltlich überlassen worden war. Es handelt sich um ein Denkmal der deutschen Kurfürsten und Dokument ihrer Rolle bei der Befreiung des Reiches von der Türkengefahr. Die Konterfeis des Herzogs von Bayern sowie die der deutschen Kurfürsten verteilen sich auf die Kachelfelder. Florens Traugott ließ nach Absprache mit dem Museum eine originalgetreue Replik des Ofens anfertigen, der so wie einst den Raum heute wieder ziert.

Last, but not least wurden die restlichen Geschoße des Palas sowie des Kastens zu Wohnungen umgestaltet. In einem der Räume konnte neben den z. T. barocken Deckenspiegeln eine wahrscheinlich spätbarocke Tapetenmalerei mit Rosenranken zwischen grünen Streifen, die unter einer Textil- und Papiertapete sowie mehreren Farbschichten lag, wiederhergestellt werden. Auch der spätmittelalterliche ehemalige Balkenschirm am Torhaus wurde rekonstruiert und das Fußgängertor freigelegt.

 

Ein Vorhaben wurde noch nicht ausgeführt: die Freilegung des um das Jahr 1500 gegrabenen, 16 m tiefen Brunnens. Eine spannende Aufgabe, denn wer weiß, was dieser Schacht alles zu bieten hat …

 

[1] Burg Wildshut, Bauforschung 2005, Büro für Burgenforschung Dr. Joachim Zeune

[2] Ortschronik St. Pantaleon, 200 Jahre Innviertel bei Österreich, o. D., S. 34

Dr. Therese Backhausen,  Verein Historische Gebäude Österreich, Jahresausgabe 2018

Wildshut im Winter